Maria Gschaider hilft seit 2018 ehrenamtlich in der Ausspeisung und bei der Lebensmittelausgabe. Davor war sie von 1995 bis zu ihrer Pensionierung in der Caritas tätig.
von Michaela Gsell (Caritas Steiermark)
Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich und wie schaut Ihre Arbeit im Marienstüberl aus?
Ich wollte in der Pension immer etwas Ehrenamtliches machen. Es war für mich klar, dass ich mich in der Caritas engagieren möchte. Schließlich habe ich mich für das Marienstüberl entschieden. Ich bin normalerweise in der Küche. Gemeinsam mit Kolleg*innen richte ich das Frühstück, teile die Vormittagsjause und das Mittagessen aus und räume zusammen. Das sind so die Haupttätigkeiten an einem Tag. Am Sonntag helfe ich meistens bei der Lebensmittelausgabe.
Sie waren vor Ihrer Pensionierung Caritas-Mitarbeiterin – und zwar seit 1995, dem Eröffnungsjahr des Marienstüberls. Haben Sie Erinnerungen an die Eröffnung?
Ich kann mich erinnern, dass es in der Keplerstraße eröffnet wurde. Ich habe damals in einer Wohngemeinschaft der Caritas für Frauen in Krisensituationen und minderjährige Mütter gearbeitet. Diese Einrichtung war auch in der Keplerstraße. Wir hatten daher von Anfang an Kontakt mit dem Marienstüberl. Wenn es zum Beispiel überschüssige Lebensmittel zum Verarbeiten gab, haben wir diese direkt abgeholt.
Haben Sie das Gefühl, wir brauchen das Marienstüberl jetzt mehr oder weniger als vor 30 Jahren?
Ich kann nicht sagen, ob es mehr oder weniger ist, aber man braucht es auf jeden Fall. Auch weil sich die Zielgruppe verändert hat. Wir haben mittlerweile Menschen aus mehr unterschiedlichen Nationen oder vermehrt Personen mit psychischen Erkrankungen. Es kommen auch mehr Jüngere, die keine Arbeit haben, die krank sind, die keine sozialen Kontakte und teilweise auch keine Wohnung haben. Die Suchterkrankungen haben sich auch verstärkt, egal ob Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht. Das sind Menschen, die alles verloren haben und dann vor dem Nichts stehen, oder noch einer Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Sie stehen in der Gesellschaft am Rand. Das Marienstüberl ist ihr Anker.
Was sind bewegende oder schöne Ereignisse in Ihrem Ehrenamt?
Die Menschen im Marienstüberl haben oft einen schweren Rucksack zu tragen. Sie kommen buchstäblich mit einer großen Tasche am Rücken, aber auch ihr Lebensrucksack ist schwer. Deshalb bewegen mich die Feiern im Marienstüberl immer wieder. Weil ich merke, wie das Miteinander, das Ausbrechen aus dem Alltag und das gemeinsame Lachen den Gästen guttut. Ob das die Weihnachtsfeier, der Marienstüberl-Ball oder Ostern ist, ist ganz egal. Wir decken bei den Feiern schön auf und richten alles her. Das hat auch viel mit Wertschätzung zu tun.
Wie gehen Sie persönlich mit der emotionalen Belastung um, die Ihr Ehrenamt auch mitbringt?
Ich sehe das realistisch. Ich leiste meinen Beitrag, aber ich kann nicht alles ändern. Man muss akzeptieren, dass die Lebenssituationen dieser Menschen anders sind und es trotzdem ein Miteinander gibt. Wenn ich am Ende meines Arbeitstages das Marienstüberl verlasse, schaue ich, dass ich alles Belastende dort zurücklasse und mir selbst sage “Ich kann das nicht mitnehmen”. Das habe ich in meiner vorigen Tätigkeit im Sozialbereich bereits gelernt.
Was mich schon immer wieder berührt, sind die Todesfälle. Schwester Elisabeth schaut dann oft, dass sie sich gemeinsam mit ein paar anderen Menschen Zeit nimmt, betet, eine Kerze anzündet, die Verabschiedung gestaltet oder zum Grab fährt. Gäbe es das nicht, hätten viele dieser Leute keinen richtigen Abschied. Ich denke schon manchmal darüber nach, wie diese Menschen gehen müssen. Das sind Situationen, die man im normalen Leben nicht erlebt. Davon gibt es viele im Marienstüberl.
Haben Sie viel Veränderung im Marienstüberl miterlebt?
Ja, ich denke, es gibt immer eine Weiterentwicklung. Allein wenn neue Mitarbeiter*innen kommen, ändert sich etwas. Jede Person bringt eigenen Fähigkeiten mit. Das ist für mich sehr bereichernd. Unter den Haupt- und Ehrenamtlichen und auch unter den Gästen sind wir alle sehr unterschiedlich. Es gibt sehr klare, strukturierte Personen; es gibt die, die nicht Nein sagen können; es gibt die, die merken, wenn es einem schlecht geht. Das sind wichtige Charismen, die da die Fülle ausmachen. Dadurch hat sich auch unser Angebot erweitert, wie zum Beispiel die Lebensmittelausgabe.
Gibt es ein Erlebnis im Marienstüberl, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es ist schwer, nur ein Erlebnis zu nennen. Man erlebt jeden Tag so viel. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist eine schwangere Frau, die zu den Roma gehörte. Sie kam bis vor der Geburt ins Marienstüberl, war dann einige Monate nicht da und ist danach ohne Kind wiedergekommen. Wir wissen nicht, was genau passiert ist. Das sind natürlich schwierige Situationen, die leider auch keine Einzelfälle sind.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Marienstüberls?
Ich wünsche mir, dass es gut weitergeht. Dass das Marienstüberl inhaltlich den „Puls der Zeit“ erkennt und die Angebote dementsprechend anpasst, damit die Menschen bekommen, was sie brauchen. Und vor allem, dass neue Menschen, nachkommen, damit es genug Ehrenamtliche gibt. Das wünsche ich dem Marienstüberl von Herzen.